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Kapsid
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Als Kapsid oder Capsid (von lateinisch capsula, auf Deutsch etwa ‚kleine Kapsel‘) bezeichnet man bei Viren eine komplexe, regelmĂ€ĂŸige Struktur aus Proteinen (Kapsidproteinen, englisch viral coat protein, capsid protein, VCP oder nur CP), die der Verpackung des Virusgenoms dient. Ein Kapsid ist aus einer feststehenden Anzahl von Protein-Untereinheiten, den Kapsomeren, aufgebaut. Bei unbehĂŒllten Viren bildet das Kapsid die Ă€ußerste Struktur des Virus und ist damit fĂŒr die Anheftung und das Eindringen in die Wirtszelle verantwortlich; bei behĂŒllten Viren interagiert das Kapsid mit der Ă€ußeren VirushĂŒlle (en. coat, enthĂ€lt Lipide) und verleiht ihr hĂ€ufig erst die nötige StabilitĂ€t.

Die Anordnung der Proteine eines Kapsids basiert auf verschiedenen Symmetrien und ist sehr vielgestaltig. Diese unterschiedlichen Strukturen und Symmetrien von Kapsiden haben wiederum Auswirkungen auf die biologischen Eigenschaften wie die PathogenitÀt, die Art der Virusvermehrung (Replikation) und die UmweltstabilitÀt. Die Struktur des Kapsids dient auch als Kriterium der Einteilung von Viren innerhalb der Virus-Taxonomie.

Contents

‱ Entdeckung
‱ Kapsomer
‱ Prokapsid
‱ Quellen
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Entdeckung

1956 schlossen Francis Crick und James Watson, dass die Verpackung der NukleinsĂ€ure von Viren aus vielen identischen, notwendigerweise symmetrisch angeordneten Untereinheiten bestehen mĂŒsse, da die NukleinsĂ€ure kleiner Viren nicht genug Protein kodieren könne, um sich damit zu bedecken. Die genetische Information mĂŒsse also durch viele Kopien identischer Proteine mehrfach genutzt werden.cite-ref-1[1] Noch im gleichen Jahr fand Donald Caspar durch Röntgenkristallographie die fĂŒnfzĂ€hlige Symmetrie des Ikosaeders an einem Kristall aus Partikeln des Tomato-bushy-stunt-Virus.cite-ref-2[2]

Kapsomer

Als Kapsomer (pl. Kapsomere) bezeichnet man die kleinste regelmĂ€ĂŸige Einheit, aus der ein Kapsid aufgebaut ist und die dessen Symmetrie bestimmt. Im einfachsten Fall besteht ein Kapsid aus identischen Kapsomeren, die wiederum nur aus einem ProteinmolekĂŒl bestehen. Sehr hĂ€ufig jedoch besteht ein Kapsomer aus zwei bis fĂŒnf verschiedenen Proteinen, die sich zu einem regelmĂ€ĂŸigen Kapsid zusammenlagern. Das Kapsid kann auch aus verschiedenen Kapsomeren aufgebaut sein, z. B. bestehen Adenoviren aus zwei unterschiedlichen Kapsomeren (Pentone und Hexone), die wiederum selbst aus verschiedenen Virusproteinen bestehen.

GelĂ€ufige Bezeichnungen fĂŒr die Kapsidproteine sind: Hauptkapsidprotein (en. major/main capsid protein, MCP), Nebenkapsidprotein (en. minor capsid protein, mCP), Virus-CP (VCP), oder die (bis zu fĂŒnf) Proteine werden durchnummeriert VP1, VP2 etc.

Die einzelnen Untereinheiten, aus denen ein Kapsomer wiederum aufgebaut sein kann, werden gelegentlich auch als Protomere bezeichnet.

Bei einer vorgegebenen Genomsequenz eines Virus können jene Proteine, die das Kapsomer bilden, sehr leicht erkannt werden, da sie in bestimmten Abschnitten eine hohe Konzentration von positiv geladenen bzw. basischen AminosÀuren (Arginin, Lysin, Histidin) enthalten. Diese basischen ProteindomÀnen der Kapsidproteine (Coreproteine) sind zur nicht-kovalenten Bindung an die negativ geladene virale NukleinsÀure notwendig, die verpackt werden soll.

Symmetrieformen

Ikosaedrische Symmetrie

Die hĂ€ufigste Symmetrie eines Kapsids ist ein regelmĂ€ĂŸiges Ikosaeder (ZwanzigflĂ€chner), da dieses unter allen regelmĂ€ĂŸigen VielflĂ€chnern (Polyeder) bei gegebener KantenlĂ€nge das grĂ¶ĂŸte Volumen hat. Die KantenlĂ€nge wird durch die GrĂ¶ĂŸe der Kapsomere und ihre Anzahl bestimmt. Bei der Darstellung von Virionen im Elektronenmikroskop (EM) oder mittels Röntgenstrukturanalyse entspricht jedoch bei vielen Viruskapsiden das Erscheinungsbild, also die Ă€ußere Gestalt, nicht einem Ikosaeder, sondern ist meist kugelförmig, teilweise mit herausragenden Proteinschleifen (englisch spikes) versehen. Verbindet man aber gleiche MolekĂŒlpositionen der Kapsomere miteinander, so findet man eine ikosaedrische Anordnung der Kapsomere. Daher gilt es zwischen dem Begriff der Symmetrie eines Kapsids und der Form (Morphologie) eines Kapsids gut zu unterscheiden. Bei einigen Viren kann die innere Symmetrie eines Ikosaeders auch sofort an der Ă€ußeren Form erkannt werden, z. B. bei Mitgliedern der Familie Adenoviridae oder einigen Bakteriophagen.

isometrischDie meisten viralen Kapside mit ikosaedrischer Symmetrie sind isometrisch, d. h. alle Seitenkanten des Ikosaeders sind gleich lang, was am ehesten der Idealform eines mathematischen Ikosaeders entspricht.

Symmetrieachsen

FĂŒr die Struktur des Ikosaeders sind drei Typen von Symmetrieachsen charakteristisch, die eine Rotationssymmetrie zeigen: durch gegenĂŒberliegende Seitenkanten verlĂ€uft je eine Symmetrieachse mit zweistrahliger (180°) Symmetrie, durch gegenĂŒberliegende SeitenflĂ€chen je eine dreistrahlige (120°) und durch gegenĂŒberliegende Ecken je eine fĂŒnfstrahlige (72°). Die entsprechenden Symmetrien haben die Kapsomere oder ihre Anordnung auf dem Ikosaeder. So kann ein Kapsid aus Kapsomeren mit einer dreistrahligen oder einer fĂŒnfstrahligen Symmetrie aufgebaut sein; hĂ€ufig haben die Kapsomerformen innerhalb eines Kapsids je nach Position auch verschiedene Symmetrien, da sie meist aus zwei, drei oder fĂŒnf identischen Proteinuntereinheiten bestehen. Die Anordnung der Kapsomere zu einer bestimmten Rotationssymmetrie ist nicht immer zwangslĂ€ufig durch die Struktur der Proteine vorgegeben. Es gibt bei manchen Viruskapsiden auch verschiedene Möglichkeiten der Anordnung zu einem Ikosaeder, was sich in der Bildung unterschiedlicher Viruspartikel (Virionen) mit gering verschiedenen Durchmessern bei demselben Virus zeigt. So bestehen die Kapside von natĂŒrlichen Virionen des Hepatitis-B-Virus ĂŒberwiegend aus 180 Kapsomeren (T = 3, siehe unten), etwa 20 % der Kapside, jedoch aus 240 Kapsomeren (T = 4).cite-ref-3[3] Die biologische Bedeutung unterschiedlicher Kapsidsymmetrien bei demselben Virus ist bislang nicht geklĂ€rt.

Triangulationszahl

Zur genaueren Beschreibung eines ikosaedrischen Kapsids wurde 1962 von Donald Caspar und Aaron Klug eine geometrische Kennzahl eingefĂŒhrt,cite-ref-4[4] die sogenannte Triangulationszahl (T). Mit ihr kann man die GrĂ¶ĂŸe und die KomplexitĂ€t eines Kapsids beschreiben.

Durch Zusammenlagerung von drei identischen MolekĂŒlen eines beliebigen unregelmĂ€ĂŸigen, nicht-symmetrischen Proteins kann ein gleichseitiges (dreizĂ€hlig rotationssymmetrisches) Dreieck gebildet werden. Diese Anordnung ist die kleinstmögliche symmetrische Einheit zur Ausbildung eines ikosaedrischen Kapsids. Da ein solches regelmĂ€ĂŸiges Dreieck also aus mindestens drei Untereinheiten aufgebaut ist und ein Ikosaeder aus zwanzig solcher regelmĂ€ĂŸiger Dreiecke besteht, sind mindestens 3 · 20 = 60 solcher Untereinheiten zur Ausbildung der einfachsten ikosaedrischen Symmetrie notwendig. Diese Mindestzahl von 60 wird durch die Triangulationszahl T = 1 beschrieben.

GrĂ¶ĂŸere und komplexere Kapside besitzen nur ganzzahlige Vielfache von 60, also z. B. hĂ€ufig 180 (T = 3), 240 (T = 4), 960 (T = 16). Bei Kapsiden mit einer T > 1 entstehen sogenannte Pseudo-6-Symmetrien, bei denen Pentons und Hexons entstehen. Die jeweilige Anzahl an Hexons zwischen zwei Pentons ergeben die Triangulationszahlen h und k. Die Anzahl der Hexons in einer direkten Linie von einem Penton zum nĂ€chsten = h. Die Anzahl an Hexons, nachdem man einen „Knick“ in der direkten Linie zum nĂ€chsten Penton machen muss = k. Die geometrisch möglichen Triangulationszahlen ergeben sich dann aus der Formel T = hÂČ + hk + kÂČ, wobei h und k ganze Zahlen sind.

Diese ideale „isometrische“ Kapsidform ist bei einigen Viren langgestreckt. Das lĂ€nglich-gestreckte erscheinende Kapsid ist damit im geometrischen Sinne kein Ikosaeder mehr, sondern ein fĂŒnfeckiges, bipyramidales Antiprisma. Der Aufbau aus den Einzelteilen ist im Prinzip jedoch gleich. Obwohl es eigentlich nur noch eine Symmetrieachse gibt, sprechen Virologen bei diesen Formen trotzdem von einem „nicht-isometrischen“ Ikosaeder.

Weitere Abweichungen mit einer ausgezeichneten Ecke findet man in der Familie Mimiviridae (Mimivirus: Stargate) und Phycodnaviridae (Chlorovirus: Vortex mit Dorn).

Ein weiterer Sonderfall sind die „Zwillingsviren“ Geminiviridae (sowie deren Satelliten Gemini­alpha­satellitinae und Tolecusatellitidae) mit zwei „aneinandergeklebten“ Ikosaedern. Diese Satelliten „borgen“ sich die Kapsidbausteine von den Geminiviridae (ihren Helferviren), was die ĂŒbereinstimmende Morphologie erklĂ€rt.

Helikale Symmetrie

Bei einigen Viren lagern sich die Kapsomere schraubenförmig zu einer helikalen QuartĂ€rstruktur um die zu verpackende NukleinsĂ€ure; dabei bilden sie nach außen eine lĂ€ngliche Zylinderform. Der Durchmesser eines helikalen Kapsids ist durch die GrĂ¶ĂŸe der Kapsomere festgelegt, die LĂ€nge des Zylinders ist direkt abhĂ€ngig von der LĂ€nge der zu verpackenden NukleinsĂ€ure.

UnbehĂŒllte (nackte) helikale Kapside kommen nur bei einigen Pflanzenviren (z. B. Tabakmosaikvirus, Lily-Mottle-Virus) und Bakteriophagen (Familie Inoviridae) vor, wĂ€hrend Viren mit behĂŒlltem helikalem Kapsid bei Tieren weit verbreitet sind. Wichtige Krankheitserreger mit helikalem Kapsid sind beispielsweise die Influenzaviren, die Paramyxoviridae (z. B. das Mumpsvirus und Masernvirus), die Bunyaviridae oder Rhabdoviridae (z. B. das Tollwutvirus). Eine Sonderform der helikalen Symmetrie liegt bei der Virusgattung Torovirus vor. Hier bildet sich aus einem lĂ€nglichen helikalen Kapsid ein geschlossener Ring mit der geometrischen Form eines Torus.

Spindel- oder zitronenförmige Archaeenviren (Bicaudaviridae, Fuselloviridae, Halspiviridae, Thaspiviridae) sind möglicherweise aus Viren mit helikaler Symmetrie entstanden, um mehr Genmateriel aufzunehmen.cite-ref-krupovic2014-5-0[5]cite-ref-wang2022-6-0[6]

Kopf-Schwanz-Aufbau

Bei den Viren der Klasse Caudoviricetes mit Kopf-Schwanz-Aufbau hat der Kopf (das eigentliche Kapsid) eine (oft gestreckte) ikosaedrische Symmetrie; der (unterschiedlich lange) Schwanz hat dagegen eine helikale Symmetrie. Eine grobe Klassifikation dieser Viren erfolgt herkömmlich nach dem Morphotypen der Podoviren, Siphoviren und Myoviren (mit dem T4-Phagen).

Komplexe oder keine Symmetrie

Manche Kapside besitzen weder eine eindeutig ikosaedrische noch helikale Symmetrie, trotz der regelmĂ€ĂŸigen Struktur ihrer Form. Dies ist insbesondere bei Mitgliedern der Familie Poxviridae (Pockenviren) zu beobachten. Daher wird die Symmetrie dieser Viren als „komplex“ bezeichnet.

Eine Sonderstellung innerhalb der komplexen Symmetrien nehmen die konischen (kegelförmigen) Nukleokapside bei Retroviren, z. B. dem HIV-1, ein. Das Coreprotein dieses Virus kann in vitro Röhren mit helikaler Symmetrie ausbilden, jedoch auch die natĂŒrliche Form der konischen, geschlossenen Röhre annehmen. Dabei zeigt sich, dass dieses Kapsid aus einem Netz von Sechsecken aufgebaut ist, das durch 12 Netzmaschen mit fĂŒnfeckiger Anordnung unterbrochen ist (in der Abbildung grĂŒn markiert).cite-ref-7[7] Von den zwölf fĂŒnfeckigen LĂŒcken befinden sich sieben am breiten und fĂŒnf am schmalen Ende des Konus. Damit folgt diese Netzsymmetrie einem mathematischen Theorem von Leonhard Euler, nach dem eine geschlossene OberflĂ€che, die durch Sechsecke bedeckt werden soll, stets mindestens zwölf fĂŒnfeckige LĂŒcken hat (Eulerscher Polyedersatz). Durch diese sehr variablen WinkelverhĂ€ltnisse der Kapsomere zueinander und die durch die FĂŒnfecke entstehenden Stellen mit geringerer StabilitĂ€t wird wahrscheinlich die Freisetzung des Retrovirus-Genoms in den Zellkern erst ermöglicht.

DarĂŒber hinaus gibt es Viren, bei denen keine eindeutige Kapsidform nachgewiesen werden konnte. Diese Viren verfĂŒgen jedoch ĂŒber Proteine mit den oben beschriebenen basischen ProteindomĂ€nen, die zwischen NukleinsĂ€ure und VirushĂŒlle vermitteln und meist von innen in der VirushĂŒlle verankert sind. Mit dieser Verankerung in der HĂŒlle sind sie mit den sogenannten Matrixproteinen verwandt, die bei anderen Viren (z. B. den Herpesviridae und Paramyxoviridae) zusĂ€tzlich zu einem Kapsid die HĂŒlle von innen auskleiden; strenggenommen dĂŒrfte man nicht von einem Kapsid sprechen. Diese Proteine werden aus historischen GrĂŒnden meist als Coreproteine bezeichnet. Die bekanntesten Beispiele hierfĂŒr sind das Hepatitis-C-Virus und das Bovine Virusdiarrhoe-Virus (BVDV, Genus Pestivirus).

Kapsid und Nukleokapsid

HĂ€ufig werden die Begriffe Kapsid und Nukleokapsid fĂ€lschlicherweise synonym verwendet. Nur ein Kapsid, das direkt mit der NukleinsĂ€ure assoziiert ist, ist auch ein Nukleokapsid. Es gibt Viren (z. B. das Humane Immundefizienz-Virus), bei denen sich innerhalb eines Ă€ußeren Kapsids ein zweites befindet; hier wird nur dieses innerste als Nukleokapsid (oder Core) bezeichnet. Im Inneren eines Kapsids kann sich die NukleinsĂ€ure zusĂ€tzlich mit basischen Proteinen (z. B. zellulĂ€ren Histonen) assoziieren oder mit Proteinen kovalent verknĂŒpft sein. In diesem Falle spricht man von einem Nukleoprotein-Komplex.

Auch viele behĂŒllte Viren wie die Coronaviren besitzen ein Nukleokapsid-Protein, das im funktionsfĂ€higen Virion (Viruskörper) vollstĂ€ndig innerhalb der VirushĂŒlle liegt.cite-ref-8[8]

Prokapsid

Als Prokapsid wird das frĂŒheste nachweisbare Stadium beim Zusammenbau (englisch Assembly) eines Kapsids in der Wirtszelle bezeichnet. Das Prokapsid besteht typischerweise aus vielen Kopien des Hauptkapsidproteins (MCP), vielen Kopien des GerĂŒstproteins, einem Portalprotein, sowie evtl. einigen interne Kapsidproteinen. Prokapside sind kleiner als das reife Kapsid und auch bei ikosaedrischer Kapsidgeometrie eher kugelförmig. Bei der Verpackung der DNA wird das GerĂŒstprotein entfernt (entweder durch Dissoziation oder Proteolyse), und das Prokapsid vergrĂ¶ĂŸert sich irreversibel zum reifen Ikosaeder.cite-ref-9[9] Details können im Einzelfall abweichen abhĂ€ngig von der Morphologie des Kapsids.

SonderfÀlle

Einzelverpackte Genomsegmente

Manche Viren mit segmentierten Genom verpacken die einzelnen Teile in ein einziges Kapsid, andere bilden fĂŒr jedes Segment ein eigenes Kapsid. Im letzteren Fall gibt es fĂŒr jedes Segment einen eigenen Typ von Viruspartikel (unterschieden durch den Genominalt); das Virus kann seine volle FunktionalitĂ€t in der Wirtszelle erst entfalten, wenn diese mit Viruspartikeln eines jeden Typs infiziert und das Virusgenom komplett ist (Beispiel Nanoviridae).

Kapsidbausteine vom Helfervirus

Manche Satellitenviren, wie die Sarthroviridae, Gemini­alpha­satellitinae, Tolecusatellitidae und Deltavirus, „stehlen“ Kapsidbausteine von ihren Helferviren.

Kapsidlose Viren

Einige sehr primitiv aufgebauten Viren, fehlt das CP, so dass sie ohne Kapside keine echten Virionen (Viruspartikel) aufbauen. Beispiele sind die Endornaviridae, Narnaviridae, Mitoviridae und einige Botourmiaviridae.

Energetische Betrachtung der Kapsidbildung

Kapside können sich innerhalb einer Zelle oder experimentell als gereinigte Proteinlösung der Kapsomere spontan und ohne Energieverbrauch bilden; dies wird auch oft als Selbstassemblierung (engl. self-assembly) bezeichnet. Zum ersten Mal konnte die spontane Kapsidbildung beim Tabakmosaikvirus beobachtet werden; in vitro gelang dies auch spÀter bei animalen Viren wie z. B. den Alphaviren.cite-ref-10[10]

Bei einer großen Anzahl von Viren gelang diese Kapsidbildung in vitro jedoch nicht. Man fand heraus, dass zur Zusammenlagerung der Kapsomere und zu deren korrekter Faltung zum Teil zellulĂ€re Proteine notwendig sind (sogenannte Chaperone)cite-ref-11[11] oder erst eine Assoziation mit NukleinsĂ€ure zur Kapsidbildung fĂŒhrt.

Ausgehend von der Tatsache, dass eine Kapsidbildung spontan erfolgen kann und die Symmetrie des Ikosaeders besonders oft vorkommt, nahm man bisher an, dass die Kapsidstruktur der energetisch gĂŒnstigste Zustand fĂŒr die Kapsomere sei. TatsĂ€chlich zeigen neuere Untersuchungen, dass Kapside eher einem metastabilen energetischen Zustand entsprechen.cite-ref-12[12] Dies wĂŒrde auch zum Teil erklĂ€ren, warum Kapside sich bei der Ausschleusung des Virus aus der Zelle zunĂ€chst zusammenlagern, hingegen bei Eintritt in die Zelle die gleichen Kapside wieder spontan zerfallen, um die virale NukleinsĂ€ure freizusetzen. Der energetisch instabilste und limitierende Schritt fĂŒr das self-assembly eines ikosaedrischen Kapsids scheint der Einbau der letzten Kapsomere zur Komplettierung zu sein.cite-ref-13[13] Dieser metastabile Zustand wird auch dadurch begĂŒnstigt, dass ein Kapsid seine StabilitĂ€t lediglich aus sehr schwachen Wechselwirkungen der Kapsomere gewinnt.cite-ref-14[14]

Manche Kapside werden nach dem Zusammenbau auf der Außenseite oder auch der Innenseite (z. B. beim Kapsid des Hepatitis-B-Virus) durch mitverpacktes ATP und Phosphokinasen phosphoryliert, zum Teil auch durch zellulĂ€re Enzyme glykosyliert; diese Modifikationen scheinen auch die StabilitĂ€t bzw. gewĂŒnschte InstabilitĂ€t der Kapside zu beeinflussen.

Ein besonderes Merkmal mancher unbehĂŒllter Viren oder der in vitro synthetisierten Kapside behĂŒllter Viren ist die Möglichkeit zu kristallisieren. Diese Beobachtung fĂŒhrte schon in den 1940er Jahren zu Diskussionen ĂŒber die Zuordnung von Viren zu den Lebensformen, da sonst nur unbelebte Stoffe die Eigenschaft der Kristallbildung zeigen. Kristallisierte Kapside sind bei der Erforschung der Virusstruktur durch die Röntgenstrukturanalyse unerlĂ€sslich.

Biologische Bedeutung von Kapsiden

Neben dem Schutz des viralen Genoms vor DNA- und RNA-spaltenden Enzymen (Nukleasen) und der Formgebung bei behĂŒllten Viren haben Kapside einige besondere biologische Funktionen und Eigenschaften:

‱ Bei unbehĂŒllten Viren bildet das Kapsid die OberflĂ€che eines Virions. Dadurch ist es direkt dem Angriff durch das Immunsystem ausgesetzt und wirkt als Antigen. Bei Viren Ă€ndern sich hĂ€ufig die OberflĂ€chenepitope und entgehen dadurch dem Immunsystem des Wirts, was jedoch bei nackten Kapsiden nur sehr eingeschrĂ€nkt möglich ist, da etliche VerĂ€nderungen der Kapsidproteine auch zum Verlust der StabilitĂ€t oder einer BeeintrĂ€chtigung der self-assembly fĂŒhren können. UnbehĂŒllte Viren sind daher in der Regel weniger variabel in den OberflĂ€chenepitopen als behĂŒllte.
‱ Da regelmĂ€ĂŸig angeordnete Proteine ein wesentlich stĂ€rkeres Antigen darstellen als unregelmĂ€ĂŸig angeordnete, eignen sich Kapside besonders gut als Material fĂŒr Impfungen.cite-ref-15[15]
‱ Das Kapsid unbehĂŒllter Viren vermittelt ebenfalls die Bindung an Rezeptoren der Zielzelle, um den Eintritt in die Zelle einzuleiten. Bei einigen behĂŒllten DNA-Viren sorgt ein spezieller Transport des Kapsids an die Kernporen fĂŒr das Eindringen des Virusgenoms in den Zellkern.
‱ Durch die FĂ€higkeit von Kapsiden, als Transportvehikel fĂŒr NukleinsĂ€ure in Zellen zu dienen, sind in vitro erzeugte Kapside, sogenannte Virus-like particles (VLPs), von besonderem Interesse in der Gentechnik und Gentherapie.

Quellen

Literatur

‱ D. M. Knipe, P. M. Howley (Hrsg.): Fields’ Virology. 5. Auflage. 2 BĂ€nde, Philadelphia 2007, ISBN 978-0-7817-6060-7.
‱ S. J. Flint, L. W. Enquist, V. R. Racaniello, A. M. Skalka: Principles of Virology. Molecular Biology, Pathogenesis, and Control of Animal Viruses. 2. Auflage. ASM-Press, Washington D.C. 2004, ISBN 1-55581-259-7.
‱ A. J. Cann: Principles of Molecular Virology. 3. Auflage. Academic Press, 2001, ISBN 0-12-158533-6.
‱ A. Granoff, R. G. Webster (Hrsg.): Encyclopedia of Virology. (Band 1–3). San Diego 1999, ISBN 0-12-227030-4.
‱ R. H. Cheng, T. Miyamura (Hrsg.): Structure-based study of viral replication. Singapore 2008, ISBN 978-981-270-405-4.
‱ Roya Zandi, David Reguera et al.: Origin of icosahedral symmetry in viruses. PNAS (2004) 101 (44): S. 15556–15560. PMID 15486087

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ Francis Crick, James Watson: Structure of Small Viruses. Nature (1956) 177: S. 473–475. PMID 13309339
cite-note-22. ↑ Donald Caspar: Structure of bushy stunt virus. In: Nature 1956, doi:10.1038/177475a0.
cite-note-33. ↑ M. Newman, F. M. Suk, M. Cajimat, P. K. Chua, C. Shih: Stability and morphology comparisons of self-assembled virus-like particles from wild-type and mutant human hepatitis B virus capsid proteins. Journal of Virology. (2003) 77(24): S. 12950–12960. PMID 14645551
cite-note-44. ↑ Donald L. D. Caspar, Aaron Klug: Physical Principles in the Construction of Regular Viruses. Cold Spring Harbor Symposia on Quantitative Biology XXVII, Cold Spring Harbor Laboratory, New York 1962, S. 1–24.
cite-note-krupovic2014-55. ↑ Mart Krupovic, Emmanuelle R. J. Quemin, Dennis H. Bamford, Patrick Forterre, David Prangishvili: Unification of the globally distributed spindle-shaped viruses of the Archaea. In: Journal of Virology. 88. Jahrgang, Nr. 4, 2014, ResearchGate:259320195, S. 2354​–2358, doi:10.1128/JVI.02941-13, PMID 24335300, PMC 3911535 (freier Volltext) – (englisch).
cite-note-wang2022-66. ↑ Fengbin Wang, Virginija Cvirkaite-Krupovic, Matthijn Vos, Leticia C. Beltran, Mark A. B. Kreutzberger, Jean-Marie Winter, Zhangli Su, Jun Liu, Stefan Schouten, Mart Krupovic, Edward H. Egelman: Spindle-shaped archaeal viruses evolved from rod-shaped ancestors to package a larger genome. In: Biophysical Journal, Band 121, Nr. 3, Februar 2022, S. 148a-149a; doi:10.1016/j.bpj.2021.11.1983, ResearchGate:358561680 (englisch). Cell, Band 185, Nr. 8, 14. April 2022, S. 1297-1307.e11; doi:10.1016/j.cell.2022.02.019, PMID 35325592, PMC 9018610 (freier Volltext), HAL:03620791, Epub 23. MĂ€rz 2022 (englisch).
cite-note-77. ↑ B. K. Ganser, S. Li, V. Y. Klishko et al.: Assembly and analysis of conical models for the HIV-1 core. Science (1999) 283 (5398): S. 80–83. PMID 9872746
cite-note-88. ↑ Andrea Thorn, Nicole Dörfel, et al.: RNA & Nucleocapsid. Coronavirus Structural Task Force an der UniversitĂ€t Hamburg, abgerufen am 3. Juli 2021 (englisch). (Die angebotene deutschsprachige Fassung ist nicht sehr empfehlenswert, sie hat sprachliche SchwĂ€chen)
cite-note-99. ↑ Glossary: Procapsid. Auf: The Actinobacteriophage Database, at PhagesDB.org
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Weblinks

Commons

: Kapsid

– Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

‱ Galerie verschiedener Viruskapside als molekulare Modelle und Röntgenstrukturanalyse (Memento vom 29. April 2007 im Internet Archive) (aus dem ICTV-Report)
‱ WeiterfĂŒhrendes Tutorial zur Triangulationszahl von Kapsiden
‱ Beispiele zur Berechnung von Kapsidstrukturen und Triangulationszahlen (Memento vom 5. Februar 2008 im Internet Archive)
‱ SIB: Virus symmetry and T number, auf: ViralZone